Interview

mit Andreas Petersen, Herbert H. Ludwig, Torsten Laux

DKI: Das Düsseldorfer Orgelfestival geht nun in seine vierte Runde. Was ist das Besondere an diesem Festival?

Herbert H. Ludwig: Das Besondere an diesem Orgelfestival ist, dass wir nicht nur die Orgelfreunde mit Konzerten hochkarätiger international bekannter Organisten ansprechen, sondern dass wir mindestens zu 50 Prozent Veranstaltungen für Menschen anbieten, die jetzt noch andere Musikrichtungen bevorzugen: Orgelkonzerte, die kombiniert werden mit Bigband, japanischen Trommeln oder anderen Instrumenten, die “normalerweise” seltener mit der Orgel zusammen gebracht werden.

DKI: Neue Zielgruppen für die Orgel zu begeistern, ist ja eine Ihrer wichtigsten Aufgaben.

Herbert H. Ludwig: Das ist richtig. Als wir vor drei Jahren mit dem Orgelfestival anfingen, haben wir uns folgende Ziele gesetzt. Erstens wollten wir Düsseldorf als Orgelstadt bekannter machen. Düsseldorf hat fast zweihundert Orgeln, und die wenigsten wissen das. Zweitens wollten wir junge Menschen für die Orgel begeistern, und das geht nicht, indem man nur klassische Orgelkonzerte anbietet. Wir wollten außerdem denjenigen, die bei den Worten “Orgel” oder “Kirche” eher vorsichtig sind, ein Programm anbieten, dass sie dazu verführt, sich mit diesem Super-Instrument auseinanderzusetzen. Sich ein Orgelkonzert anzuhören, um dann feststellen, dass eine Orgel ein unwahrscheinlich vielfältiges Instrument ist. Diese drei Ziele haben wir, glaube ich, schon erreicht. Jetzt muss es unser Ziel sein, in diesem und im nächsten Jahr noch mehr Besuche zu bekommen.

Andreas Petersen: Interessant ist, dass wir durch die Vernetzung von Orgelkonzerten – es gibt ja schon relativ viele Orgelkonzerte in der Stadt – aber auch durch die vernetzte Bewerbung einen ganz anderen Bekanntheitsgrad erreichen können, sodass man z. B. auch im Norden erfährt, was im Süden der Stadt läuft und umgekehrt, dass man auch gebündelt erfahren kann, was läuft. Dadurch werden wir auch in der Öffentlichkeit und in der Presse anders berücksichtigt als wenn jeder Einzelveranstalter für sich werben muss.

DKI: Bei dem hochkarätigen Programm dürfte die Vorbereitung des Ganzen eine enorme Herausforderung sein.

Melanie Grossmann: Das Düsseldorfer Orgelfestival braucht natürlich sehr viel Vorlaufzeit. Wir sind jetzt schon dabei, das Programm für nachstes Jahr zu planen. Das dauert natürlich seine Zeit, bis man in diesem Ablauf drin ist. Man muss bei den Künstlern anfragen, sich ein Programm überlegen, und jetzt in der heißen Phase muss man sehen, dass man die Programme von den Künstlern bekommt, hinzu kommen Bilder für Plakate, Flyer, unsere Werbematerialien und vieles mehr - es ist sehr viel Kleinarbeit, die bei so einem großen Festival eine große Rolle spielt.

DKI: Wird das Programm im wesentlichen von den Künstlern vorgeschlagen, oder werden diese um bestimmte Programme gebeten, oder mischt sich dies?

Melanie Grossmann: Es mischt sich natürlich. Mittlerweile erhalten wir sehr viele Bewerbungen von auswärtigen Künstlern, die beim Festival mitwirken möchten. Größtenteils überlegen wir uns in unserem Team, welche Veranstaltungen wir brauchen, um auch die verschiedenen Zielgruppen anzusprechen. Wir müssen uns natürlich immer wieder was Neues überlegen, um auch für junge Leute attraktive Konzerte zu machen.

DKI: Wie haben sich die Besucherzahlen im Laufe der Jahre entwickelt?

Andreas Petersen: Wir hatten beim ersten Festival 3200 Besucher, beim zweiten wir knapp 5000, und im vergangenen Jahr hatten wir 8400 Besucher. Wir wollen in diesem Jahr auf 10000 kommen und im nächsten Jahr auf 15000.

DKI: Wie finanziert sich das Festival? Geld regnet nicht vom Himmel...

Herbert H. Ludwig: Wir hoffen schon seit drei Jahren, dass das Geld vom Himmel fällt! Ein solches Festival zu finanzieren ist in der Tat ein sehr schwieriges Unterfangen. In diesem Jahr ist es besonders schwer, an Geld zu kommen, weil die städtischen und staatlichen Institutionen sehr vorsichtig sind und keine Kredite aufnehmen wollen und die Unternehmen, die wir bisher angesprochen haben, alle kurz vor der Pleite stehen. Wir können davon ausgehen, dass etwa 35 Prozent der Gesamtkosten durch Eintritt abgtedeckt werden. Dazu kommt noch, dass wir etwa ein Drittel der Konzerte kostenlos anbieten. Das hängt damit zusammen, dass manche Kirchengemeinden jedem die Möglichkeit bieten wollen, ein solches Konzert zu besuchen, auch wenn er wenig oder kein Geld hat. Bei manchen Gemeinden sprechen auch theologische Gründe dagegen, Eintritt zu nehmen. Da erwarten wir eine Kollekte, aber es kommt leider vor, dass einige Besucher nur 10 oder 20 Cent in den Kollektenbeutel werfen. Im Moment gehen wir davon aus, dass auch das vierte Festival mit einem großen Defizit abschließt, und wir hoffen sehr, dass sich das im nächsten Jahr endlich ändert.

DKI: Herr Prof. Laux, auf dem Festival geben Sie auch Meisterkurse in Improvisation. Die Imrpovisation auf der Orgel hat eine lange Tradition. Auf welche Weise hat sie sich gerade bei diesem Instrument erhalten?

Prof. Torsten Laux: Im Grunde ist die Tradition der Improvisation bei der Kirchenorgel nicht viel anders als beim Jazz. Das ist erfreulich, dass sich Jazz und Kirchenmusik in diesem Punkt treffen. Die Improvisation spielt für die Kirchenorgel von Anfang an und immer noch eine sehr große Rolle - im Gegensatz zu anderen Instrumenten, wo eine eher untergeordnete Bedeutung hat wie z.B. beim Orchester. Aber die Orgel hat einfach die längste Instrumental-Tradition. Sie wurde vor über 2000 Jahren erfunden und findet seitdem immer wieder in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen Verwendung. Seit über tausend Jahren gilt die Orgel als führendes Kircheninstrument. Und in dieser langen Geschichte hat sich natürlich einiges an Improvisationstraditionen und auch an Literatur angesammelt. Aber das Kennzeichen der Improvisation ist ja, dass sie lebendig ist und im Moment entsteht, und es ist natürlich erfreulich, dass die Orgel im Bereich der Improvisation führend ist. Ähnlich wie im Bereich Jazz kann man sich Orgelmusik ohne Improvisation gar nicht vorstellen. So ist ein Teil der drei Meisterkurse, die wir in Kooperation mit der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf durchführen, ein Orgelimprovisationskurs, den ich selbst leite, und da soll, ausgehend von dem Orgelliteraturkurs, den mein Kollege Prof. Jürgen Kursawa leitet, die norddeutsche Orgel-Barockmusik zum Vorbild der eigenen Improvisation genommen werden. Man lernt sozusagen das Handwerk an den traditionellen Formen und Stilen, und dann führe ich zur zeitgenössischen ernsten Musik, die in der Messe oder im evangelischen Gottesdienst ihren Platz hat. Aber wir gehen dann auch noch weiter in die populäre Richtung: Einflüsse aus Pop, Jazz, Latin werden aufgegriffen und führen zu ganz neuen klanglichen Ergebnissen, die vielleicht den einen oder anderen erstaunen werden.

DKI: Mal laienhaft gefragt: Dann kann man also Improvisation, wenn man die entsprechenden Voraussetzungen dazu hat, erlernen?

Prof. Torsten Laux: Man muss sich auf jeden Fall damit beschäftigen. Talent ist sicherlich nicht hinderlich, aber es wird nicht reichen, sich hin zu setzen, etwas zu spielen und es dann dabei bewenden zu lassen. Man wird sich immer wieder mit der Improvisation auseinander setzen müssen, über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte, und dabei ist natürlich auch eher hilfreich, dass man Unterricht bekommt oder dass die wichtigsten Elemente im Studium vermittelt werden, wie das in der Kirchenmusik üblich ist. Im Studium der Kirchenmusik hat man Orgelimprovisation als Hauptfach, vor allem auch für den gottesdienstlichen Gebrauch, aber auch für Konzerte und andere Zusammenhänge. Man kann Improvisation aber auch lernen, wie die Jazzmusiker das tun, indem man Erfahrungen und Kenntnisse einfach beim Spielen sammelt, indem man in einer Band mit anderen zusammen spielt, sich die Bälle gegenseitig zu wirft und unter Umständen die Theorie gar nicht so beherrschen muss, weil man mehr von der Praxis kommt, das gibt es auch. In der Kirchenmusik gibt es beides, sowohl die Tradition, das Handwerk, das Studium, auf der anderen Seite aber auch das Learning bei doing, so dass man einfach spielt und dabei weiter kommt.

DKI: Was ist für Sie als Musikpädagoge das Wichtigste, was Sie Schülern vermitteln können?

Prof. Torsten Laux: Das werden wir auch beim Orgelimprovisationskurs wieder erleben: Erst einmal versuche ich Musiker, die ja schon eine gewisse Vorbildung haben, dort abzuholen, wo sie gerade stehen, das abzurufen, was sie bereits fähig sind zu kreieren, und dann eben Tipps zu geben, die ihnen helfen, noch besser zu werden, noch kreativer und inspirierter zu improvisieren. Dabei werde ich auch eigene Erfahrungen mit einbringen, Strukturen und Modelle vorschlagen.

DKI: Das Orgelfestival dürfte für Musikstudierende eine hervorragende Plattform sein, um sich selbst zu testen und Praxiserfahrungen zu sammeln.

Prof. Torsten Laux: Ja, und das ist eine schöne Vernetzung, denn im Grunde gehen wir aus von der Thematik des Eröffnungskonzerts. Die Stücke des Eröffnungskonzerts werden mit einem Projektchor und aktiven Teilnehmern, die unter Anleitung von Raimund Wippermann diesen Projektchor leiten dürfen, erarbeitet, da sieht man, wie diese Musik in Gemeinschaft mit dem Chor entsteht, und dann wird andere Musik auf der Orgel aus der Barockzeit vorgestellt. Davon ausgehend findet sich dann wieder der Weg in die Zeitgenössische Musik, und so schließt sich der Kreis. Besonders erfreulich ist, dass das Orgelfestival und die Robert-Schumann-Hochschule in diesem Jahr erstmals eng zusammenarbeiten werden. Dass die drei hauptamtlichen Professoren im Institut für Kirchenmusik gemeinsam beim Orgelfestival tätig werden, um studierenden und amtierenden Kirchenmusikern und auch interessierten Laien ein Vorbild zu geben, finde ich sehr erfreulich.

DKI: Können Sie sich vorstellen, gattungsübergreifend zu arbeiten? Haben Sie schon einmal auf einer Hammond B 3 oder A 100 gespielt?

Prof. Torsten Laux: Letzteres noch nicht. Für die B 3 gibt es Spezialisten wie Barbara Dennerlein, die ja auch beim Düsseldorfer Orgelfestival mitwirkt. Ihr Auftritt ist ein Highlight unseres diesjährigen Festivals. Aber ein großes Interesse und eine große Offenheit haben wir hier alle, und ich bin auch froh, dass ich in diesem Jahr wieder die eine oder andere Veranstaltung erlebe und auch bei einigen mitwirken kann, in denen die Orgel neue Wege geht. So improvisiere ich diesem Festival zum ersten Mal zusammen mit Klavier. Außerdem steht in diesem Jahr mit dem Konzert mit der Bigband der Clara-Schumann-Musikschule ein weiteres Highlight bevor. Dabei werden einige Uraufführungen stattfinden, unter anderem auch ein Werk von mir, das eigens zu diesem Zweck komponiert worden ist.

Welche Bedeutung hat das Komponieren für Sie?

Die Bedeutung des Komponierens nimmt für mich immer mehr zu. Ich komme eigentlich vom Orgelliteraturspiel, von dort aus dort haben sich mir immer mehr Wege zur Improvisation geöffnet, und jetzt gilt mein Interesse mehr und mehr der Komposition, so schließt sich der Kreis, wenn ich, angeregt von der Literatur der letzten Jahrhunderte, zur Improvisation finde und daraus wieder eine Komposition entsteht, die ich dann unter Umständen auch noch selbst spiele.