Methodik des Orgelunterrichts
Einführung
Folgende Verfahren sollen im Unterricht abwechselnd, differenziert und kombiniert eingesetzt werden:
Erarbeitendes Verfahren
Sichere und zielorientiere Anleitung des Schülers/der Schülerin durch den Lehrer1, dadurch ist rasches und effektives Vorangehen möglich. Besonders geeignet für Schüler, die ängstlich, unsicher oder unselbstständig sind, schrittweise durch den Lehrer geführt werden wollen und sich gerne der Führung des Lehrers anvertrauen. Nachteile können erwachsen aus der mangelnden Entwicklung und Ermutigung der selbstständigen Arbeit des Schülers.
Modell-Methode
Vormachen des Lehrers, der dadurch als Vorbild wirkt, dadurch wird konkretes Anschauungsmaterial geliefert und der Schüler zur Imitation aufgefordert. Besonders geeignet für Schüler, die sich an der fachlichen Persönlichkeit des Lehrers orientieren und durch Zuhören, Zusehen und Nachahmung leicht lernen können oder zu diesen Fähigkeiten hingeführt werden sollen. Nachteilig können das Fehlen verbaler Reflexion, die Vernachlässigung eigener Ansätze des Schülers und Entmutigung durch das Vorbild des Lehrers sein.
Darstellendes Verfahren
Der Lehrer informiert in einem verbalen Vortrag umfassend und strukturiert über einen Sachverhalt. Besonders geeignet für Schüler, die Musik begrifflich verstehen können und wollen oder deren Fähigkeit begrifflichen Verstehens gefördert werden soll. Vorteilhaft ist die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte in einem vielschichtigen Gesamtverständnis zu vermitteln. Zu beachten ist, dass immer wieder ein Zusammenhang zur praktischen Musikausübung hergestellt werden sollte.
Aufgebendes Verfahren
Der Lehrer gibt Aufgaben, die der Schüler selbstständig ausführen soll. Dadurch sollen Selbsttätigkeit und Selbstkontrolle des Schülers gefördert werden. Besonders geeignet für Schüler, die gerne ein Problem selbstständig erarbeiten oder deren Selbstständigkeit gefördert werden soll. Klassische Anwendung ist die Stellung von Hausaufgaben bis zur nächsten Unterrichtseinheit, die Methode kann jedoch auch innerhalb des Unterrichts angewendet werden. Zu beachten ist, dass die Aufgaben klar genug gestellt werden, aber auch genügend Freiraum lassen. Die Ergebnisse sollten nicht nur nach der vom Lehrer intendierten Aufgabenstellung bewertet und korrigiert werden, sondern auch nach der - womöglich von der Aufgabenstellung abweichenden - selbstständigen Entwicklung des Schülers.
Entdeckenlassendes Verfahren
Der Lehrer regt den Schüler dazu an, durch eigenes Erfinden, Entdecken und Ausprobieren kreativ zu sein. Dadurch sollen Selbsttätigkeit, Fantasie und Motivation des Schülers gefördert werden. Diese Methode ist besonders geeignet für Kinder, aber auch für Erwachsene, die Probleme selbsttätig und kreativ lösen wollen oder sollen. Der Lehrer sollte dabei seine Unterrichtsziele nicht aus den Augen verlieren.
Dialog-Methode
Schüler und Lehrer suchen gemeinsam nach Lösungen. Der Lehrer berät als Lernpartner den selbstständig arbeitenden Schüler, hört zu, schlägt vor, regt an, ermuntert, nimmt Stellung und weist auf Probleme hin. Der Schüler hört ebenfalls zu, erläutert, erklärt, nimmt Stellung, nennt Probleme und denkt dabei eigenständig. Diese Methode fördert selbstständiges Lernen in einer partnerschaftlichen Lehrer-Schüler-Beziehung, in der der Schüler das Unterrichtsgeschehen mitbestimmt. Freie und gleichberechtigte Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer ist Voraussetzung, es wird innovations- und kommunikationsfördernde Partnerschaftlichkeit im gemeinsamen Lernen erzielt.
Kriterien für die Methodenwahl
Persönlichkeit, Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten des Schülers sowie die gewünschten Kompetenzgewinne sind Kriterien für die Auswahl der angewandten Lehrmethoden.
Fünf Phasen sollen in jeder Unterrichtseinheit vorkommen
1. Begrüßung: Persönliche Kontaktaufnahme
2. Schülervorspiel: ununterbrochener Vortrag von wenigstens einer kleinen vorbereiteten Aufgabe
3. Erarbeitung: Arbeit an den vorbereiteten Aufgaben, Weiterentwicklung, Anregung
4. Aufgabenstellung: Klärung, was bis zur nächsten Unterrichtseinheit zu tun ist
5. Verabredung der nächsten Unterrichtseinheiten und besonderen Anlässe, Informationsaustausch
didaktische Grundhaltung im Einzelunterricht
„Abholende“ Didaktik bedeutet:
Konstruktive Kritik üben, nicht nur korrigieren, sondern auch bestätigen und ermutigen
und dabei würdigen, was bereits an Kenntnissen und Fähigkeiten vorhanden ist.
Drei Schritte der Didaktik: bestätigen – korrigieren – ermutigen.
Jeweils an den Punkten ansetzen, an denen weitere Fortschritte nötig, sinnvoll und erzielbar sind.
Unterstützung der Vortragssicherheit
Viele Musiker, nicht nur Schüler und Studierende, fühlen sich stets nicht gut genug vorbereitet für einen Vortrag, sie glauben zu „schlecht“, „unfähig“, „unmusikalisch“ oder „langweilig“ zu sein, als dass ihre Zuhörer mit Wohlwollen ihren Vortrag genießen könnten. Dieses destruktive „Selbst-Wert-Urteil“ resultiert aus einem Ur-Misstrauen sich selbst gegenüber. Die Angst vor kritischer Bewertung durch mich selbst und/oder durch die Zuhörer behindert als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung einen selbstsicheren und erfolgreichen Vortrag.
Die Angst vor eigenem Versagen, die Angst vor dem Urteil der Zeugen und Richter des Vortrags, die Angst vor den inneren und äußeren „Feinden“ bewirkt außerdem Stress (mit vermehrter Adrenalinausschüttung), der sich im besten Falle durch α) Imponierverhalten (sich selbst aufrichten, den „Feind“ beeindrucken wollen) äußert, meist jedoch durch β) Flucht (man erlebt alles schneller und spielt auch schneller als geplant), oder leider auch durch γ) Verstecken (man versucht sich unsichtbar, unhörbar und so klein darzustellen, dass man der Aufmerksamkeit der „Feinde“ entgeht).
Dagegen setze ich als sich selbst erfüllende Prophezeiung das Ur-Vertrauen, dass die Zuhörer gerne zuhören und den Vortrag genießen möchten. Wenn ich selbst meinen eigenen Vortrag genieße, ermögliche ich dies auch meinen Zuhörern, die ich nicht als Feinde, sondern als Freunde betrachte.
Dies kann durch eine innerlich starke und nach außen hin präsente sängerische Haltung unterstützt werden. Dies meint nicht nur eine - nicht nur für das Singen zweckmäßige – aufrechte und energiereiche körperliche Haltung, sondern auch die mentale Einstellung, dass man emotional wahrnimmt, was man musikalisch ausdrücken will.
Damit die Orgel (für sich genommen eine Maschine!) so natürlich klingt wie eine Gesangsstimme, hilft es, wenn wir tatsächlich zu unserem Spiel singen – gerade auch bei stummem Spiel (ohne Registrierung, aber auch ohne Augenkontrolle), wodurch „blind“ und „taub“ das Vorstellungsvermögen, das Vorausdenken, die sensorische Kontrolle und letztlich – bei wieder klingendem Spiel - das differenzierte Hörvermögen und die Selbstkontrolle durch das Gehör gefördert werden.
Schließlich sollte ein(e) Organist(in) sich immer wie ein(e) Dirigent(in) verhalten, das heißt: zuerst ohne Instrument die Partitur lesen, sich den gewünschten Klang vorstellen, interpretatorische Möglichkeiten erarbeiten und in der Partitur notieren, als Dirigent(in) die Proben leiten, dabei initiieren und kontrollieren, lösbare Aufgaben stellen und deren Umsetzung gestalten. Dabei wird man sich selbst zum bestmöglichen Pädagogen! Und indem man nicht in die Rolle des/der Ausführenden kommt, kann es auch keine Angst vor dem eigenen Versagen geben: nicht selbst spielen, sondern „spielen lassen“ verhilft zu ermutigender und reflektierender innerer Distanz. Um die Phrasierung musikalisch zu gestalten, kann es sehr hilfreich sein, die Musik auch tatsächlich zu dirigieren (mit der rechten Hand bevorzugt das Metrum, mit der linken Hand bevorzugt emotionale Inhalte) und damit in fließende körperliche Bewegung umzusetzen.