Torsten Laux: Magnificat für Big Band und Orgel
Vorwort
Magnificat
komponiert für Big Band und Orgel im April 2009 von Torsten Laux (*1965)
URAUFFÜHRUNG
am 30.09.2009 im Rahmen des 4. Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals (Big Band der CSM Düsseldorf und Markus Hinz, Orgel)
angeregt vom biblischen Lobgesang der Maria aus dem Evangelium nach Lukas, 1. Kapitel, Verse 46 bis 55:
46 Meine Seele erhebet den Herrn, 47 und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer. 54 Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat unsren Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich.
Das "Magnificat", der Lobgesang (Canticum) der Maria aus der vorweihnachtlichen Geschichte nach dem Lukas-Evangelium, ist in beiden Konfessionen ein wichtiger liturgischer Bestandteil der Vesper (abendliches Stundengebet). Traditionell wird das Magnificat gerne im besonders herausgehobenen IX. Psalmton (Tonus Peregrinus) gesungen, der deshalb am Ende des Werkes (vor allem in der Orgelstimme) mehrfach zitiert wird.
Die Gesamtdauer des Werkes beträgt etwas über 15 Minuten, wenn man die vorgeschlagenen Tempoangaben zugrunde legt. Die Zeitmaße der einzelnen Teile sind nicht willkürlich gewählt, sondern gehen von einem Grundtempo und davon abgeleiteten Proportionen aus. In ihrer Entwicklung während des Stückes folgen die wechselnden Tempi einer inneren Stringenz und definierten Dramaturgie, sie balancieren die Wirkung der einzelnen Teile aus.
Für eine Big Band - deren bekannte Stärken doch ihr rhythmischer groove und die beeindruckende Größe und Vielfalt im Klang sind - ganz ungewöhnlich ist der einstimmige Beginn mit einer zur „mixolydischen“ Septe aufstrebenden und dabei nachdenklich-zarten Melodie. Dieses Hauptthema wird gleich und später am Ende des Werkes noch in anderen tonalen Färbungen wiederholt – hier wird sie in der freudig-heiteren und dabei leicht klagenden mixolydischen Kirchentonart intoniert, wendet sich aber am Ende überraschend nach C, und es folgt eine Variation derselben Melodie (nun von der Oboe der Orgel vorgetragen, begleitet nur von Gitarre und Bass) im Ionischen Modus (entsprechend C-Dur) mit der großen leittönigen Septe, wobei die Gitarre doch noch zweimal die mixolydische Septe dagegen hält... Die Intimität dieser Instrumentierung soll zum Ausdruck bringen, dass hier Maria, noch bevor sie Jesus gebären wird, ganz persönlich von sich singt – das einzige Mal in der biblischen Erzählung blicken wir direkt in ihr Herz und hören ihre eigenen Gedanken. Der gesamte 1. Teil (bis T. 67, vor Buchstabe D) ist wegen seines Charakters und typischer rhythmischer Figuren im sanft schwingenden 9/8-Takt mit „Pastorale“ überschrieben und interpretiert den Text
Meine Seele erhebet den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Die Textzeile denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen spiegelt sich in einem kraftvoll aufstrebenden Tenor-Saxophon-Solo, begleitet von einer terzweise stetig absteigenden Harmoniefolge in Klavier, Gitarre und Bass. Danach erklingt das Hauptthema zum 3. und 4. Mal fast gleichzeitig im Quint-Kanon zwischen Trompete und Querflöte (unterstützt und ausbalanciert von der Orgel), die Begleitung bleibt kammermusikalisch (nur Piano, Gitarre und Kontrabass), die tonale Färbung changiert zwischen e-dorisch und -äolisch, außerdem h-äolisch und G-Ionisch. Kraftvoll-vielstimmig, aber dabei zurückhaltend und ein wenig melancholisch endet der 1. Teil des Werkes mit der Deutung der Textzeile Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Der 2. Teil bringt einen plötzlichen Stimmungswechsel: Im geraden Takt „alla Marcia“, begleitet von marschmäßigen Bässen, beginnen die beiden Flügelhörner mit einem folkloristischen Thema über Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Flöte und Saxophone sowie zwei Posaunen stimmen bei der Wiederholung ein; beim dritten Mal übernehmen die drei Trompeten die einfache, infantile, kindlich anmutende Melodie, die sich in Sextakkord-Mixturen ausbreitet und am Ende von humoristischen kurzen Vorschlägen überstrahlt wird, während die Orgel verallgemeinernde, zeitlos und in ferne Zukunft rückende Akkorde unterlegt …
In einer Überleitung („Bridge“) verkünden merkwürdige Harmonien, furiose Läufe entlang der -tonal nicht greifbaren- Ganztonleiter, kuriose Sprünge und schließlich machtvolle Akkordrepetitionen, die ein prachtvolles „Sanctus“ andeuten: Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist.
Nach einem kurzen Einwurf der Orgel setzt jetzt erst zum ersten Mal das Schlagzeug (Drum Set) ein – es beginnt der lässige groove eines „Jazz Waltz“ zu den Worten Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Dazu spielt das Sopran-Saxophon eine muntere Melodie, die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck bringt, im darauf folgenden Solo der Trompete kommt Glaubensgewissheit hinzu, und nach einer Erinnerung an die drei einleitenden Orgeltakte werfen sich Flöte, Saxophone und Blechbläser gegenseitig aufmunternde Rufe zu, erst abwechselnd, schließlich alle gemeinsam.
Eine „gewaltige“ Fanfare, ein kurzer Ruf der 3 Trompeten im Unisono kündet Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Darauf folgt eine Charaktersierung der „Hoffärtigen“ durch eitle Spielfiguren, „Pfauen“-hafte Phrasen einzelner Bläserstimmen, immer wieder eingestreute humoristische kurze Vorschläge und eine doppelbödige, zwischen ¾-Takt und 6/8-Takt changierende Interpretation des tänzerischen Metrums. Die „Hoffärtigen“ werden durch das Fanfaren-Motiv, das nun im Kanon durch alle Bläser geht, „zerstreuet“.
Gleich darauf (Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.) werden „die Gewaltigen vom Thron“ gestoßen, ausgedrückt durch eine jammernde, sich immer tiefer drehende Figur, heftig absteigende Läufe und Sprünge, die in einen tief liegenden und hart dissonanten Akkord der Orgel münden. Darauf folgt ein versöhnlich wirkender Beat, aus dem sich eine immer weiter aufsteigende, vom tiefen Bariton-Saxophon bis zu Sopran-Saxophon und Querflöte entfaltende, leicht melancholische Melodie entwickelt. In etwas rascherem Tempo windet sich diese Melodie zusammen mit ihrer Umkehrung nochmals empor – diesmal beginnend mit den tiefen Posaunen bis zur hohen Lage der 1. Trompete und schließlich verstärkt von Flöte und Saxophonen.
Die Bitten der „Hungrigen“ werden im löchrigen Bläsersatz hörbar, die Stimmen werfen sich die dringende Anrufung im Rhythmus der Sprache gegenseitig zu, am Ende finden Sie Erfüllung, ihre Bitten werden erhört (diese letzte neue und eigene thematische Erfindung dieser Komposition wird ganz am Ende des Werkes noch einmal aufgegriffen) … doch zuvor laufen noch die „Reichen“ mit ihrem Flehen ins Leere, ausgedrückt durch ständige Tonwiederholungen, eintönige Linien und schaurige Akkorde (Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.).
Der swingende Jazz Waltz mit seiner aufmunternden Melodie (siehe zuvor Und seine Barmherzigkeit…) wird hier (Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,) einen Ton höher wieder aufgegriffen und dann nochmals (wieder ein Ton höher) gesteigert wiederholt (jetzt mit Kanon der 1. Posaune und der 1. Trompete).
Schließlich (wie er geredet hat unsren Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich.) wird das Anfangsthema des Stückes (Meine Seele erhebet den Herrn…) hier nochmals einstimmig, aber im Wechselspiel von Flöte und Sopran-Saxophon, einen Ton höher und in der ernsteren äolischen Kirchentonart wieder aufgegriffen und vom IX. Psalmton kommentiert. Die charakteristische Tonfolge des „Tonus Peregrinus“ (fremder Psalmton, herausgehoben durch besonders kunstvolle Gestaltung und wechselnden Rezitiationston) erklingt zuerst in der Flöte, dann wird sie vom Sopran-Saxophon weiterentwickelt und mündet in die Wiederaufnahme einiger wichtiger Themen (Er übet Gewalt mit seinem Arm im fünfstimmigen Satz der Trompeten und Flügelhörner imitatorisch verarbeitet; Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder im dreistimmigen Fauxbourdon der Saxophone; dann als Bridge Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist). In der Schluss-Stretta werden der 9. Psalmton (im Kanon, rechte und linke Hand der Orgel jeweils in Oktaven), das letzte eigene Thema (Die Hungrigen füllet er mit Gütern) und das Anfangsthema (Meine Seele erhebet den Herrn…, vorgetragen von Flügelhörnern und Posaunen -mit gemischtem Tonvorrat- und ganz zuletzt kurz zusammengefasst von der Orgel -jetzt im freudig überhöhten, stark aufstrebenden G-Lydischen Modus-) miteinander verbunden.
Torsten Laux