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Übtechniken für Orgelliteraturspiel

Einführung

Grundsätzliches

Um effektiv üben zu können, ist die disziplinierte Anwendung einer Methodik des Übens notwendig.

Jedoch ist nicht jede Übtechnik für jede(n) das genau Richtige, außerdem werden noch bessere Erfolge durch Perspektivwechsel erreicht. Es empfiehlt sich also, immer wieder neu an ein Stück heranzugehen und verschiedene Übtechniken anzuwenden. Durch immer neue Anforderungen kann immer wieder ein Zugewinn an Kompetenzen erreicht werden.

Intentionen der Musik

- Die Musik wird von drei Hauptintentionen motiviert:

1. Bewegung, besonders Tanz, wird in Metrum und Rhythmus geordnet, ergibt „Schwingen“ oder „groove“

2. Emotion bzw. Ausdruck, erkennbar in Harmonik, Melodik, Dynamik, empathischen Akzenten u.v.a.m.

3. Konstruktion von Strukturen, Formen, Textbezügen und deren intellektuelle Reflexion durch Analyse und Reproduktion

Weitere Intentionen können sein:

- Spielfreude, virtuose Beherrschung des Instruments und Selbstdarstellung

u.v.a.m.

wichtige Ziele

- Vorausdenken, Voraushören, Vorausfühlen

- Kontrolle durch Fühlen, Hören, Analyse

- immer neue Vertiefung durch Perspektivwechsel

- Ausbalancieren durch differenziertes Arbeiten in verschiedene Richtungen

ohne Instrument

- "Partitur" lesen, analysieren, innerlich singen/spielen, dirigieren, auswendig lernen

- Informationen über Quellenlage, historische Einordnung und Aufführungspraxis einholen

- stumm spielen

- Werk bearbeiten (z.B. transponieren, instrumentieren, kürzen, vereinfachen oder ergänzen, Pop- oder Jazz-Version)

- als Grundlage eigener Stil- und Formkopie, Komposition, Improvisation adaptieren

optischer Perspektivwechsel

- anderes Notenbild trainiert Auge-Hand-Verbindung, daher verschiedene Notenausgaben, fremde Noten, Kopien in Vergrößerung und Verkleinerung, Kopien in verschiedenen Farben benutzen

- Lichtverhältnisse wechseln, auch im Dunkeln üben

- Notenausgabe mit und ohne eigene Eintragungen (Finger- und Fußsätze etc.) benutzen

- andere Reihenfolge der Seiten, Zeilen, Takte einrichten bis hin zum Puzzle aus farbigen Ausschnitten der Partitur

Finger- und Fußsätze

- mit und ohne Instrument (ggf. auch am Klavier möglich) experimentieren (z.B. Fußsätze testen: Hände stumm, nur Pedal registriert) und aufschreiben, ggf ändern; auch historische Finger- und Fußsätze probieren!

- mit und ohne Finger-/ Fußsatz üben, eigenen mit fremden Finger- und Fußsätzen vergleichen

Motorik und Klangvorstellung trainieren

- Hände und Füße einzeln und in verschiedenen Kombinationen (besonders linke Hand und Pedal) üben

- stumm üben (ohne Instrument; mit Instrument; einzelne Stimmen registrieren)

- jede einzelne Stimme singen, stumm spielen und singen; klingend spielen und mitsingen; alle Stimmen stumm spielen und gesungene Stimme beim Spielen weglassen; alle Stimmen außer der gesungenen Stimme klingend spielen; alle Stimmen klingend spielen und eine Stimme dazu singen; im Zusammenhang spielen und jeweils die wichtigste Stimme (abwechselnd) mitsingen; spielen und innerlich mitsingen

- sich Solisten, Chor, und/oder Orchester vorstellen

kontrolliert und kreativ üben

- sich selbst Lehrer/in sein: sich selbst lösbare und motivierende Aufgaben stellen, dabei die eigene Leistungsfähigkeit einschätzen und optimal einsetzen lernen, Zwischen- und Endergebnisse kontrollieren und anerkennen

- Übpläne, Übprotokolle, Tagebuch anlegen; die verbleibende Zeit bis zu einem wichtigen Ziel (z.B. Prüfung) in Jahre, Monate, Wochen, Tage, Übeinheiten einteilen, planen und das Erreichen der Ziele kontrollieren

- mit („mathematisches Metrum“) und ohne (“natürliches Metrum“, agogische Gestaltung) Metronom üben

- in verschiedenem Tempo üben (im Allgemeinen: besser langsam üben und temperamentvoll vorspielen als beim Üben pfuschen und im Konzert vergaloppieren! Im langsamen Tempo wird die Motorik effektiver trainiert und die Aufmerksamkeit auf Details gelenkt)

- Genauigkeit (meist der erste Schritt) und Gestaltung (Gestaltungsideen in die Noten schreiben!)

- effektiver lernen durch vielfältige, immer neue Anreize und Aspekte

- sich als Dirigent fühlen (nicht selbst mitspielen, sondern spielen lassen!), sich Kammermusik-, Orchester- oder Chorbesetzung vorstellen, mit dem Ensemble proben, dem Ensemble Aufgaben stellen, auch wirklich dirigieren (Musik in Bewegung umsetzen), Fugenthemen für den Chor textieren (und selbst vorsingen), Instrumentalfiguren wie ein entsprechendes Instrument spielen (z.B. Streicherfiguren in einer Hand mit geschmeidiger Beweglichkeit im Handgelenk)

- anderes Notenbild trainiert Auge/Hand-Verbindung: andere Farbe / andere Lichtverhältnisse (Licht aus!) / andere Noten mit anderen Eintragungen (z.B. mit Fingersätzen von Kommilitonen) / andere Notenausgabe / Vergrößerung (richtet den Blick auf optisch „verlangsamte“ Details) / Verkleinerung (hilfreich zum selbst blättern und registrieren) / Notentext mit anderer Reihenfolge der Seiten (das Auge muss jeweils die richtige Seite finden, erhöht die Sicherheit an Wendestellen) / andere Reihenfolge der Zeilen, der Takte / Notentext-Puzzle (auch aus verschieden farbigen Teilen)

- Notentext abschreiben (wie einst J. S. Bach), Transskription (z.B. für Kammermusikbesetzung oder Orchester), Bearbeitung (z.B. Pop-Version) herstellen, Stil und Form in einer anderen Tonart und mit anderer Thematik improvisierend nachgestalten

Beherrschung des Instruments

- an verschiedenen Orgeln üben, verschiedene Manuale mit und ohne Koppeln verwenden, verschiedene Registrierungen probieren, auch an kleinen, hässlichen oder ungeeigneten Instrumenten in trockener Akustik üben: was auch hier gut klingt, ist wirklich gut!

- Orgelstücke auch an anderen Tasteninstrumenten üben (Cembalo, Clavichord, Klavier)

- blind üben (nicht auf die Tasten schauen, am besten Augen schließen)

Beherrschung des Stückes

- an jeder beliebigen Stelle anfangen können: taktweise üben, dann vorne und hinten anfangen und jeweils nur 2, 3 oder 4 Takte spielen, besonders an schwierigen Stellen intensive Konzentrationsphasen von je 3 Sekunden Länge nutzen

- das ganze Stück transponiert üben: zuerst leichte Tonarten, einzelne Stimmen (z.B. nur Pedal oder r.H. oder l.H)

Üben von Läufen und gleichförmigen Rhythmen

- immer wieder langsam üben

- verschiedene Tempi üben (Metronom benutzen)

- punktiert und lombardisch

- legato / staccato / portato

Differenzierung von Artikulation und Anschlag

- Unterscheidung von Artikulation (lang-kurz, dicht-locker) und Anschlag (schwer-leicht, hart-weich)

- Differenzierung innerhalb einer Stimme (immanent mehrstimmig)

- im polyphonen Satz verschiedene Stimmen gleichzeitig verschieden artikulieren / anschlagen

("räumliche"Artikulation, "dreidimensionaler" Anschlag, dadurch hohe Transparenz des Satzes)

- Echo oder Verstärkung, Entwicklung (Steigerung oder Abschwächung) durch Artikulation und Anschlag

- am Klavier auch verschiedene Dynamik in einer Hand üben!

Auswendiglernen

1. analytisch / strukturell:

- Notentext analysieren: Form, Tempo, Rhythmen, Motive und Themen, Tonarten und Harmonik etc.

- Ziel: Verständnis der Komposition als würde man die Musik selbst komponieren oder improvisieren

- auswendig dirigieren, mit einem Ensemble (Solisten, Chor/und Orchester) „proben“, Einsätze geben
- außerdem Parallelstellen beachten!

2. visuell:

- erst nur Notenbild auswendig lernen: jeweils 1 Takt genau anschauen, dann Augen schließen, den Notentext (Tonhöhen, Notenwerte und Pausen in jeder Stimme) aufsagen und sich Fragen stellen wie: „Wie heißen die Töne, Notenwerte und Pausen in der linken Hand?“ „Sind die Achtelnoten im Pedal gefähnt oder gebalkt?“ „Sind die Sechzehntel in der rechten Hand nach oben oder nach unten gebalkt?“

- auswendig dirigieren, Einsätze geben, atmen etc., sich dabei Solisten / Chor / Orchester vorstellen, mit denen man arbeitet

- blind und stumm auswendig spielen, dabei den Notentext vor dem inneren Auge wie ein Film ablaufen lassen, dabei immer wissen, wo man gerade ist und wie der Notentext aussieht!

3. motorisch / haptisch:

stumm üben

4. taktil / sensorisch: dazu noch blind üben

5. auditiv:

z.B. nur einzelne Stimmen registrieren, andere Stimmen stumm dazu spielen

wichtig beim Auswendiglernen:

stumm üben (Klangvorstellung trainieren) und blind üben (Konzentration auf innere musikalische Vorstellung, Kontrolle nicht durch das Auge, sondern bevorzugt durch das Ohr und durch taktile Sensibilität!), alle „Kanäle“ trainieren, nicht nur den „Lieblingskanal“!

wichtig beim Auswendigspielen:

immer weiterspielen, weitersingen, weiteratmen, nicht unterbrechen, musikalischen Bogen behalten

Einspielübungen Körperbeherrschung, Beherrschung des Instruments, Lockerheit und Technik

1. Balance finden

- Mitte der Orgel finden: meist dis1 im Manual über dis0 im Pedal

- Mitte der Bank finden: Schwerpunkt des Körpers genau in der Mitte, nicht zu weit vorne oder hinten

- stabile Körpermitte finden: gedachter Stab geht von den Haarspitzen des hinteren Kopfbereichs durch die Wirbelsäule hindurch bis zu einem Punkt in der Mitte der Bank

- Balance testen: Oberkörper in alle Richtungen drehen, dabei den gedachten Stab nicht verbiegen

2. blinde Beherrschung des Instruments und Drehung Oberkörper und Beinen üben

- mit geschlossenen Augen C-Dur in weiter Lage greifen, danach Hände hochheben, klatschen, sich nach links und rechts drehen, nochmals C-Dur in weiter Lage blind greifen, ohne vorher die Tasten zu fühlen

- dann blind tiefsten, höchsten und mittleren Pedalton spielen, dann tiefen Ton mit rechtem Fuß und hohen Ton mit linkem Fuß blind treffen

- gleichzeitig Drehung Oberkörper nach links, Beine nach rechts und umgekehrt (immer Beine zuerst drehen!)

3. Lockerheit erreichen

- Hals, Schultern, Oberam, Ellenbogen, Unterarm locker hängen lassen; Hand auf die Tasten fallen lassen; dann Handgelenk und Handrücken stabilisieren ("lockere Spannung")

4. kontrolliertes Fingerspiel trainieren

- Fingerübungen: ein Finger repetiert / zwei Finger trillern zunächst sehr langsam mit großer Bewegung aus dem ganzen Finger / mit kleiner Bewegung nur der Fingerspitzen; alle unbeteiligten Finger halten Tasten und werden dann nacheinander aufgehoben, ohne Tastenkontakt zu verlieren; allmählich beschleunigen; alle möglichen Fingerkombinationen üben, auch Gabelgriffe; dabei immer wieder Handrücken und Handgelenk lockern (mit der anderen Hand das Handgelenk horizontal, vertikal und kreisförmig bewegen, Finger trillern unabhängig vom Handgelenk weiter), alle Übungen auch mit der linken Hand entsprechend trainieren!

5. Lockerheit und Geschmeidigkeit des Handgelenks üben

-  (dazu Notenbeispiele)

(alle Übungen auch mit der linken Hand!)

Nervenstärke trainieren

-  Training von Zuverlässigkeit, Geduld und Nervenstärke: zunächst kleine Abschnitte (z. B. eine Notenzeile, eine Seite), dann größere Abschnitte (z.B. zwei oder mehr Seiten), zuletzt das ganze Stück einmal (oder verschärft: zwei- oder dreimal nacheinander) fehlerfrei spielen; sooft dies nicht gelingt, sofort abbrechen und nochmals versuchen; über die Fehler und Abbrüche Strichliste führen

-  sich selbst aufnehmen oder sich aufnehmen lassen

-  Vorspielmöglichkeiten verschiedenster Art nutzen, Stress-Situationen simulieren: sich selbst vorspielen (z.B. zu Beginn und am Ende jeder Übeinheit, darüber Protokoll führen!), dann Freunden und Mitstudenten vorspielen, im Unterricht vorspielen, sich selbst aufnehmen, sich aufnehmen lassen, im Gottesdienst spielen, im Konzert spielen etc.

-  immer so vorspielen, als würde man die Musik im Moment selbst erfinden und dem Hörer so verdeutlichen, dass er sie bei ersten Hören verstehen kann

-  immer wieder Freude an der vorgetragenen Musik entdecken!

-  positiver Realismus: positiv denken, ständiger Prozess der Verbesserung, immer in der Arbeit bleiben, nicht von einer negativen Situation beeinflussen lassen

-  Imagination: positive Ausstrahlung, positive Situationen und Gedanken

-  autogenes Training: z.B. einatmen, sofort ausatmen, Atempause (1001 bis 1006 zählen), wiederholen, bis der Atem ruhiger wird und Entspannung eintritt.