"Wach auf, du Schläfer!"

zu Ostern (Text: Eph 5.14 und Strophen von Michael Diezun)

Ein Neues Geistliches Lied zu Ostern

für Gesang (Gemeinde, Chor oder solistisch) und Instrumente (ad libitum mit Gitarre, Klavier, Orgel, Flöte, Oboe, Trompete, Perkussion) (2010)

veröffentlicht 2011 im Verlag Daniel Kunert - Dienstleistungen

„Wach auf, du Schläfer“

steht musikalisch an der Grenze zwischen Neuem Geistlichen Lied (mit Einflüssen aus Jazz, Swing, Gospel und Pop) und „Ernster Musik“, besonders in der Lied-Version für klassischen Gesang und Klavier. Es lebt von einem starken textlichen und musikalischen Kontrast zwischen dem Kehrvers und den Strophen. Der Kehrvers vertont den biblischen Text aus dem Epheser-Brief des Paulus (5. Kapitel, Vers 14). Ich habe mich für die deutsche Übersetzung der „Guten Nachricht“ entschieden, hier einige Übersetzungsmöglichkeiten zum Vergleich:

Eph. 5.14:

„wörtliche“ Übersetzung aus des altgriechischen Textes: Wach auf, [du] der Schlafende; und steh auf aus den Toten; und es scheine/leuchte dir auf der Christus.

Übersetzung nach Martin Luther: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. [„erleuchten“ ist schon drastische Interpretation]

Übersetzung „Gute Nachricht“: Wach auf, du Schläfer! Steh auf vom Tod! Und Christus, deine Sonne, geht für dich auf. [„Sonne“ wäre logisch ergänzt, es könnte aber auch ein anderes Licht sein] [„aufgehen“ klingt mechanisch, „aufscheinen“, „aufleuchten“ wäre vielleicht noch besser]

Dieser Text ist merkwürdig, auffällig, sehr kompakt, im altgriechischen Original klingt er rhythmisch, nicht wie Prosa, sondern wie ein Gedicht oder Lied, das nach einer Melodie verlangt. Und da gibt es auch tatsächlich eine einprägsame Vertonung (in deutschen Übersetzung) von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847). Trotzdem wird es nun Zeit, (nach über 150 Jahren!) eine neues, zeitgemäßes Klanggewand zu finden. Vielleicht eine ebenso einprägsame Melodie, die mit einiger Hinführung und Vorbereitung auch eine aufgeschlossene Gemeinde singen könnte (es gibt so wenige neue Osterlieder …), die aber auch solistisch, im Ensemble oder von einem Chor vorgetragen und dabei nur vom Klavier oder von einem modernen Instrumentalensemble begleitet werden könnte. Insofern ergibt der Kehrvers alleine schon musikalisch und textlich einen Sinn. Doch nun können noch insgesamt sechs Strophen nach einer zeitgenössischen, eigens hierfür in Auftrag gegebenen Dichtung von Michael Diezun, der zur Zeit als Pfarrer und Ideengeber in Lintorf bei Ratingen (in der Evangelischen Kirche im Rheinland) tätig ist, hinzutreten. Diese rhythmisch freie, nicht an ein Versmaß oder Reimschema gebundene, balladenhaft erzählende Dichtung ergänzt den sehr alten, sehr kurz gefassten, dadurch gleichsam objektivierten Text des Kehrverses durch persönliche, subjektive, individuelle, von elementaren Ängsten, Wünschen und Empfindungen geprägte, emotionsgeladene Gedanken.

Strophen von Michael Diezun:

1 Nacht kommt, Wasser steigt uns bis an den Hals Fluten verschlingen das Boot, aber du schläfst, HERR! Wir schreien zu dir: Wach auf, du Schläfer! Sag nur ein Wort zum Sturm: Sei still! Und wir sind gerettet.

2 Du zitterst vor Angst, du hörst nicht SEIN Wort Wir können nicht mehr wachen, dich nicht mehr trösten „Wacht auf! Seid ihr die Ersten, die gehen? Jetzt ist die Stunde!“

3 Ein Schrei! Du bist verloren! Der Tod siegt! Gott rettet dich nicht, wie soll er uns noch retten. Du Gott Israels, wach auf! Wehre dich! Erde bebt – Felsen zerfallen – die Welt vergeht.

4 Bleiches Licht, kühler Wind, die Sonn’ geht auf. Im Kopf dröhnt Leere, Rücken gekrümmt, Herz blutet. „Auf zum Grab! Ihn salben, ihm Gutes tun!“ „Was sucht ihr Jesus, den Christus Gottes, bei den Toten?“

5 „Seid gegrüßt!“ Jesus traut’s den Frauen zu: „Nie mehr habt Angst! Lauft los, predigt den Sieg Gottes! Wacht auf, der Heilige weckt aus dem Tod! Stärker als der Tod ist Gott, jetzt springt an seine Seite!“

6 Wach auf! Folg’ dem Weg des Auferweckten Wag’ dein Leben auf den Heiligen Israels Wach auf und bleib getrost, es gilt für uns: „Ich bleib‘ bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

Dem textlichen Kontrast entspricht in meiner Vertonung der Wechsel zwischen einerseits lebhaftem swing-Rhythmus (alle Achtelnoten sollen triolisch interpretiert werden) mit leicht jazzigem Tonfall im Kehrvers und andererseits einem harmonisch angereicherten Pop-Piano-Stil (Balladen-Rhythmus mit duolischen Achteln, wie notiert) in den Strophen, die auch im Grundschlag etwas ruhiger genommen werden sollten. Sowohl in der Wahl der Tonart (in tiefer Lage geeignet für Pop-, Jazz-, Musical-Gesangsstil oder für Gemeindegesang, in höherer Stimmlage speziell für klassischen Sologesang), als auch in der Besetzung und Ausführung (Gemeindegesang, Chor, Ensemble, solistisch, auch im Wechsel; Instrumentalbegleitung in offener Besetzung oder nur Klavierbegleitung) sind viele Möglichkeiten offen. Außerdem können die Strophen beliebig wiederholt oder übergangen werden, z.B. kann eine Strophe direkt wiederholt werden (zuerst solistisch, dann in der Gruppe, dann alle) oder mehrere Strophen können (auch ohne Kehrvers dazwischen) direkt nacheinander gesungen werden. Die Klavierbegleitung der Strophen kann (ohne Gesang) auch als instrumentales Zwischenspiel verwendet werden.

Bonn, im Januar 2011 Torsten Laux